Die sind doch alle gedopt – Teil 1: Die Rekordflut

18 September, 2008 um 9:33 pm | Veröffentlicht in Olympia 2008, Schwimmen, Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Die Olympischen Spiele von Peking sind Geschichte, doch das Erstaunen über die gezeigten Leistungen ist allgegenwärtig. In zahlreichen Blogs, Artikeln, Beiträgen und Kommentaren wird noch immer versucht die Weltrekordflut, welche vor allem durch Pekings „Schwimmwürfel“ schwappte, zu erklären. Die einfachste und häufigste Behauptung Erklärung lautet: Doping. sportsworldblogger will andere Wege gehen und zeigt einige „legale“ Gründe für die Entwicklung im Schwimmsport zunächst allgemein und versucht im zweiten Teil eine Erklärung für das Phänomen Phelps zu finden.

Zur besseren Übersichtlichkeit die Zusammenfassung schon am Anfang:

  • technische Weiterentwicklungen (Undulationstechnik, Delphinkicks)
  • neue Philosophie (Schwimmer mit Kraft statt Gleitfähigkeit)
  • Olympia als Höhepunkt eines vierjährigen Trainingszyklus
  • Weiterentwicklungen beim Anzug

… sind wichtige Ursachen der Rekorde in diesem Jahr.

Zunächst muss festgehalten werden, dass der Schwimmsport technisch bei weitem komplexer ist als beispielsweise der 100-Meter-Lauf in der Leichtathletik, mit dessen Bestmarken und Rekordhaltern die Leistungen der Schwimmer oft in einem Atemzug genannt werden. Dies hat zur Folge, dass Weiterentwicklungen in der Technik sich auch deutlicher in Zeiten widerspiegeln.

Brustschwimmen: Neue Technik – Neue Regeln – Neue Rekorde

Den wohl größten Umbruch erfuhr wohl das Brustschwimmen im letzten Jahrzehnt. Seit Anfang des Jahrtausends findet hier die Undulationstechnik immer mehr Anwender. Im leistungsorientierten Bereich gibt es kaum einen der noch die „alte“ Gleitzugtechnik anwendet. Die neue ist u.a. gekennzeichnet durch eine stärkeren Auf-und Abbewegung des Oberkörpers (früher eher flache Schwimmweise), sowie eine Überlappung der Antriebsphasen von Arm- und Beinzyklus (früher lange Ruhe- bzw. Gleitphase). Die Umsetzung und Perfektionierung neuer Bewegungsabläufe funktioniert verständlicherweise nicht von einem Tag auf den anderen. Hinzu kommt, dass die neue Technik auch verschiedene Regeländerungen in den Wettkampfbestimmungen nötig machte, welche zum Teil erst 2006 umgesetzt wurden. Damals wurde nach jedem Start und jeder Wende ein Delphinbeinschlag, also eine Auf-und Abbewegung der Beine, erlaubt. Am deutlichsten wird der resultierende Vorteil in der Entwicklung des Weltrekords über 100 Meter Brust. Seit Anfang des Jahrtausends wurde er 1,5 Sekunden nach unten gedrückt, während er bsw. im Freistil-und Rückenschwimmen im gleichen Zeitraum „nur“ um etwa eine Sekunde schneller wurde. (Einen guten Beitrag zu den Regeländerungen als Erklärung findet man hier: Scienceblogs)

Vom Delphin lernen …

Auch im Schmetterlingsschwimmen ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Die Beinbewegung erfährt eine immer größer werdende Bedeutung und ähnlich wie beim Brustschwimmen wird auf eine noch stärkere Wellenbewegung im Hüftbereich Wert gelegt, vergleichbar mit der Flossenbewegung von Delphinen. Das Paradebeispiel hierfür ist, wie sollte es anders sein: Michael Phelps. Bei ihm fällt auch auf, dass er selbst auf 100 Metern im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten bei jedem Armzug atmet. Sein Oberkörper liegt damit weiter oben, fast schon auf der Wasseroberfläche, was einen geringeren Wasserwiderstand zur Folge hat. Ermöglicht wird dies jedoch nur durch extrem kräftige Beinschläge. Deren Wirkung hatte bereits Ian Thorpe erkannt, der auf den Freistilstrecken nach jeder Wende bis zu sechs kräftige Delphinbeinschläge machte und sich damit einen Weltrekord nach dem anderen holte. Da sie sowohl beim Schmetterlings- als auch nach Start und Wende beim Rücken- und Freistilschwimmen Anwendung finden, sind die kräftigen Delphinkicks eine der Erklärungen für Leistungssteigerungen.
Die verschiedenen stilistischen Verbesserungen summieren sich natürlich dann beim Lagenschwimmen.

Wenn aus Stilisten Muskelpakete werden

Gerade auf den Sprintstrecken fand zudem in den letzten Jahren ein komplettes Umdenken statt. Die Zeiten der Stilisten á la Alex Popov sind vorbei. Stefan Nystrand, Weltrekordhalter über 100 Freistil auf der Kurzbahn fliegt durchs Wasser wie eine Windmühle, die Arme lang gestreckt nach vorne bringend, statt mit geknicktem Ellenbogen. Die Kraft muss ins Wasser, egal wie. Hieß es noch vor wenigen Jahren, ein Schwimmer müsse sehnig sein, wenig Wasserwiderstand bieten und geschmeidig gleiten, so wird vor allem auf den kurzen Strecken nun auf reine Power gebaut. Da das endgültige Ende dieses geradezu dogmatischen Denkens erst nach den letzten olympischen Spielen kam und die Schwimmwelt einsah, dass man zum Spirnten Kraft braucht (ähnlich wie in der Leichtathletik) , sind die Folgen erst jetzt zu beobachten. Alain Bernard und Eamon Sullivan lieferten sich eine wahre Weltrekordschlacht in diesem Jahr. Beide sind muskelbepackter als alle Schwimmer je zuvor. Allein 14 der Weltrekorde in diesem Jahr gehen auf das Konto der männlichen Freistilsprinter. Rechnet man die in Sachen Kraft ebenfalls aufgerüsteten Frauen hinzu, ist man bereits bei fast einem Drittel der in diesem Jahr aufgestellten über 70 Weltrekorde.
An dieser Stelle ist unserer Meinung nach jedoch eine gesunde Portion Misstrauen angebracht. Weniger darüber wie die Weltrekorde entstanden, sondern unter anderem, wie aus dem noch vor ein paar Jahren eher durchschnittlich kräftigen Alain Bernard ein solches Muskelpaket werden konnte, das sich über 100 Meter um vier Sekunden steigert (Kurzbahn). Hier und nur hier ist es ansatzweise möglich, Vergleiche mit den 100 oder 200 Metern in der Leichtathletik anzubringen.
Bei den Schwimmstrecken ab 200 Meter allerdings bringt alleine eine hohe Maximalkraft jedoch nach wie vor recht wenig.

Warum erst jetzt?

Es bleibt nach wie vor die Frage, warum ausgerechnet im Jahr 2008 eine solche Leistungsexplosion zu verzeichnen ist. Die meisten fielen wie bereits oben genannt über 50 und 100 Meter Freistil der Männer. Auf diesen Strecken gab es jedoch seit acht Jahren keine Steigerung mehr. Sechs Weltrekorde gehen auf das alleinige Konto von Michael Phelps. Dieser verbesserte stets nur seine eigene Bestzeit, welche er teilweise schon 2007 aufgestellt hat und das in einem durchaus realistischen Bereich. Ähnlich ist es bei der US-Lagenstaffeln, welche seit 2002 den Weltrekord in nahezu der gleichen Besetzung inne hat (Peirsol, Hanson, Phelps, Lezak). Dass der Weltrekord über die 4×100 in solch fulminanter Weise gebrochen wurde, ist letztlich auf die neue Interpretation des „Sprinters“ im Schwimmsport zurückzuführen. Fünf Mannschaften blieben unter der alten Weltrekordmarke, zwanzig Sportler. Schon bei den Weltmeisterschaften 2007 hatte sich angedeutet, dass es in Peking zu einem Rekordfeuerwerk kommen würde.
Es wurde bereits oft erwähnt, aber noch zu wenig beachtet: Die Olympischen Spiele sind für Schwimmer das absolute Highlight. Man trainiert um genau hier in der besten Verfassung des Lebens zu sein. Dabei gibt es vor allem bei amerikanischen und australischen Schwimmern in der Trainingsgestaltung nicht alleine einen Jahres- sondern Vier-Jahres-Zyklus, welcher saisonübergreifend ist. 2005 schwamm Phelps kaum eine Bestzeit, da er erst am Anfang des Zyklus nach Olympia stand. Er befand sich damals schon in der Vorbereitung auf die Spiele in Peking.
Auch die Frage, warum die technischen Neuerungen der letzten beiden Jahrzehnte erst jetzt voll greifen, ist recht schnell zu beantworten. Es geht im Schwimmsport nicht von einem Tag auf den anderen die Technik umzustellen. Bei aktiven Sportlern erfordert dies teils mehrere Jahre. Die wirklichen Auswirkungen von Umdenken im technischen Bereich werden erst bei denjenigen deutlich, die schon in der Jugend so trainiert wurden, quasi die neue Generation bilden.

Der Anzug – und zur Not denkt man sich schneller…

Bewusst am Ende gehen wir auf den „Wunderanzug“ von Speedo ein, weil so gut wie alles darüber gesagt ist. Es ist Fakt, dass die überragende Mehrzahl der in diesem Jahr aufgestellten Weltrekorde mit dem neuen Anzug von Speedo geschwommen wurden. Wie viele davon auch letztlich auf diesen zurückzuführen sind, lässt sich jedoch nicht ermitteln. Die Neuerungen, angefangen bei lasergeschweißten Nähnten, über auftriebswirksame Beschichtungen und komprimierende Formen, sorgen für ein neues Gefühl im Wasser. Letztlich sind sie jedoch nur ein weiterer Teil der Anzug-Entwicklung seit Beginn des Jahrtausend, als Ian Thorpe mit schwarzem Ganzkörperanzug und gelber Badekappe auftauchte.
Selbst wenn der Anzug nicht die vom Hersteller versprochene Wirkung hat, er verhindert zumindest Grübeleien, ob man denn auch wirklich ALLES für die Bestleistung getan hat.

Soweit zu einigen möglichen Ursachen für die 2008er Weltrekorde. Dass, wie auch in anderen Sportarten, der eine oder andere Sportler zu unerlaubten Mitteln greift, ist natürlich nicht auszuschließen. Es erscheint uns jedoch unrealistisch, dass über 40 Sportler aus einem Dutzend Nationen ein neues, nicht nachweisbares Dopingmittel anwenden.

Hier gehts zur Erklärung der Phelps’schen Rekordshow

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