Die sind doch alle gedopt – Teil 2: Michael Phelps – Der Überschwimmer?

18 September, 2008 um 9:25 pm | Veröffentlicht in Olympia 2008, Schwimmen | 1 Kommentar

Im ersten Teil des Erklärungsversuchs der in diesem Jahr gezeigten Leistungen im Schwimmen sind wir auf die allgemeinen Entwicklungen im Schwimmsport eingegangen. Diese wurden von keinem anderen so umgesetzt und nach vorn gebracht wie von Michael Phelps. Wir beleuchten, warum er der Überschwimmer ist: 

Eine Spannweite von über zwei Metern bei einer Körpergröße von 1,93 Meter sorgen für ideale Hebelverhältnisse, ähnlich wie schon Michael Groß sie hatte. Im Gegensatz zu den Freistil-Sprintern hat er einen durchtrainierten aber nicht übermäßig muskulösen Oberkörper. Dieser ist verhälnismäßig lang im Vergleich zu Phelps Beinen. Diese sind, was selten beachtet wird, extrem kräftig. Phelps hat wohl wie vor ihm nur Ian Thorpe einen unglaublichen Vortrieb aus den Beinen herraus. Hinzu kommt eine Hyperflexibilität seiner Fußgelenke. Was ihm das Joggen fast unmöglich macht, ist ideal für den Schwimmsport. Er kann seine Füße, welche Schuhe der Größe 49 benötigen, dadurch als aktive Paddel einsetzten.

Ohne Schweiß kein Preis

Erarbeitet hat sich Phelps diesen Körperbau in jahrelanger, intensiver und durchstrukturierter Arbeit mit seinem Trainer Bob Bowman. Seit Phelps siebten Lebensjahr sind die beiden ein Team, im Alter von zehn Jahren konnte Phelps bereits seinen ersten nationalen Altersklassenrekord aufstellen. Mit 15 trainierte er schon täglich bis zu 15 Kilometern im Wasser. Über die Jahre steigerte sich die Intensität stets, liegt heute bei über 100km pro Woche, wobei Phelps jeden Tag zusätzliches Trockentraining von etwa einer Stunde einschiebt. Zum Vergleich: Das ist doppelt so viel, wie viele der deutschen A-Kader Schwimmer im Schnitt in der Woche zurücklegen. Die Basis seines Trainings bilden langstreckenspezifische Grundlagen, welche für die nötige Ausdauer sorgen. Hinzu kommt schnelligkeitsspezifisches Training mit kurzen Serien. Wettkämpfe nutzte er stets als besseres Training. Schon in seiner Jugend eignete er sich so eine unglaubliche Wettkampfhärte an, startete bei einigen Vergleichen über 20 Mal an zwei Tagen. Zudem plant Bowman nicht für ein Jahr, sondern immer im Vier-jahres-Zyklus. In jeder Saison wird an einer anderen Sache gearbeitet. Laut eigenen Aussagen haben die beiden im Jahr 2007 so zum Beispiel an Phelps Brustlage gearbeitet, um die Lagenstrecken noch ausgeglichener zu schwimmen. Hinzu kam im letzten Jahr ein Unfall, bei welchem Phelps sich das Handgelenk brach. Die Folge war, dass er mehrere Wochen lang nur seine Beine trainieren konnte. Dies stärkte seinen ohnehin schon imensen Vortrieb durch die Delphinkicks.
Bei alldem kennt Phelps keinen Urlaub. Nahezu jeden Tag der letzten acht Jahre hat er trainiert.

Vom Talent zum Superstar

Phelps war zudem nicht immer der Unbesiegbare, als der er sich heute zeigt. Mit einem überraschenden fünften Platz bei den Olympischen Spielen 2000 über die 200 Meter Schmetterling rückte er schon als 15-Jähriger in die Weltspitze des Schwimmens vor. Konsequent an sich arbeitend, befand er sich 2004 auf dem ersten Höhepunkt seiner Karriere, wie es sich gehört pünktlich zu Olympia. Schon damals versuchte er den Rekord seines Landsmanns Mark Spitz einzustellen und sieben Goldmedallien zu erschwimmen. Doch er scheiterte. Vor allem der Finallauf über 200 Meter Freistil habe ihm eigenen Aussagen zu Folge damals am meisten zu schaffen gemacht. Die amerikanische Presse betitelte es als das „Race of the Century“. Das 19-Jährige Supertalent gegen den Weltrekordhalter Ian Thorpe und den „Fliegenden Holländer“ Peter van de Hoogenband: Phelps wurde nur Dritter.

Man beachte die Wende nach 100 Metern. Hier kann man Phelps Ausnutzen der Tauchphase und seinen resultierenden Vorteil sehr schön beobachten.

Also stürtzte sich Phelps direkt nach den Spielen von Athen in die Vorbereitung auf Peking. Typisch für den Beginn des Trainingszyklus schaffte er 2005 kaum eine Bestzeit, verbesserte sich wenn dann nur um ein bis zwei Zehntelsekunden und das obwohl in diesem Jahr Weltmeisterschaften auf dem Plan standen. Die ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass das Augenmerk bei Phelps voll auf den Olympischen Spielen lag und liegt.
Auch in Peking zeigte sich Phelps nicht als unangreifbar. Über die 100 Meter Schmetterling brachte ihn Milorad Cavic an den Rand einer Niederlage, nur Phelps kräftige Delphinkicks auf den letzten fünf Metern brachten ihm den Sieg, während Cavic seine Beine fast nur noch hinter sich herschleppte.
Betrachtet man die Entwicklung von Phelps Zeiten ist zudem festzuhalten, dass diese durchaus nachvollziehbar ist – auf einem sehr hohen Niveau versteht sich. Wir haben für drei Strecken von Phelps diese Entwicklung graphisch dargestellt:

Zu sehen ist hier die Entwicklung der Bestzeiten Phelps über 200 Meter Freistil. Zum Vergleich wurden auch die Leistungen des deutschen Rekordhalters Paul Biedermann (Jahrgang 1986) dargestellt. Beide sind in einem vergleichbaren Alter. Wie man erkennt verläuft die Entwicklung von Phelps flacher, da er bereits mit 17 Jahren in der Lage war unter 1:50 zu schwimmen.

Dieses Bild zeigt die Entwicklung über 400 Meter Lagen. Auch hier kann man erkennen, dass die Trendlinie von Phelps eine geringeren Abfall aufweist, als die seines Landsmanns Ryan Lochte (1984) und des Ungarn Laszlo Cseh (1985). Beim Lagenschwimmen wird Phelps zyklische Entwicklung am besten deutlich. Über mehrere Monate konzentriert er sich auf die Verbesserung einer speziellen Lage um zu den Olympischen Spielen möglichst keine Schwachpunkte aufzuweisen. In den letzten acht Monaten vor Peking hat er speziell an der Brustlage gearbeitet. So ist zum Beispiel die deutliche Verbesserung vom letzten zu diesem Jahr von über zwei Sekunden zu erklären. Bei der WM 2007 schwamm er allein auf der Teilstrecke Brust fast eine Sekunde langsamer als bei Olympia.

Zuletzt betrachten wir noch die 200 Meter Schmetterling. Im Vegleich zu seinem chinesischen Konkurrenten Wu Peng verläuft auch hier Phelps Trend flacher, wenn auch minimal. Auch hier kann man die Entwicklung im Olympiazyklus nachvollziehen. Über die 200 Meter Schmetterling konnte Phelps seine ersten internationalen Erfolge feiern. Schon bei seinem ersten Auftritt im Jahr 2000 fiel auf, dass er entgegen zu den meisten seiner Konkurrenten über die volle Distanz bei jedem Atemzug atmet. Dies ist aus dem Grund interessant, da die allgemeine Stilinterpretation damals dahin ging, möglichst eine Zweieratmung zu schwimmen, um flach zu bleiben. Phelps hingegen schwimmt mit dem Oberkörper fast auf dem Wasser. Ermöglicht wird ihm das wiederum durch seine starken Delphinkicks. Normalerweise kommen auf einen Armzug zwei Beinschläge, von welchen einer vergleichweise schwach ist. Er dient weniger dem Vortrieb, sondern mehr der Stabilisierung. Michael Phelps hingegen nutzt auch diesen vor allem für den Vortrieb, was es ihm ermöglicht mit dem Oberkörper so hoch zu liegen. Am besten kann man das mit einem Boot mit Heckmotor vergleichen.

Phelps in einer eigenen Dimension? – Nein, er ist nur der kompletteste Schwimmer

Michael Phelps ist nicht unschlagbar. Oft wird gesagt, er schwämme in einer eigenen Dimension. Im Gegensatz zu vielen anderen setzt er seine mögliche Leistungen schlichtweg dann um, wenn es drauf ankommt. Schauen wir uns seine Zeiten doch einmal an:
Über 200 Meter Freistil schwimmt er 1:42,96. Bereits vor sieben Jahren konnte ein gewisser Ian Thorpe über die selbe Strecke eine 1:44,06, also nur eine knappe Sekunde langsamer schwimmen. Doch er hing den Schwimmanzug an den Nagel.
Auch auf den Rückenstrecken zählt Phelps zu den besten seiner Zunft, liegt über 100 Meter auf Rang Fünf und über 200 auf Rang Drei der ewigen Bestenliste. In einem direkten Duell würde er jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen seine Landsmänner Lochte und Peirsol unterliegen. Noch.
Über die 100 Meter Schmetterling gelang es Phelps noch immer nicht den Weltrekord seines Landsmanns und Dauerrivalen Crocker toppen. Die doppelte Distanz schwimmt Phelps in 1:52,07 Minuten. Auch Laszlo Cseh und der Japaner Matsuda haben Zeiten von unter 1:53 drauf.
Blieben die Lagenstrecken. Hier ist Ryan Lochte auf einem guten Weg in die Dimensionen von Michael Phelps vorzustoßen. Noch ist er über 200 Meter weniger als eine, über 400 gut zwei Sekunden langsamer als Phelps. Wie viele andere hat er erkannt, dass man um auf den Lagenstrecken erfolgreich zu sein auf keiner Strecke eine Schwäche haben darf. So tauchte bei den Kurzbahn-WM in Manchester im April diesen Jahres der eigentliche Rückenschwimmer Lochte auf einmal über die Bruststrecken auf. Einen krasseren Lagenwechsel gibt es nicht. Das Brustschwimmen ist vom Bewegungsablauf her sehr verschieden zum Rest der Schwimmstile. Doch dies zeigt: Man muss komplett sein um mithalten zu können. Phelps ist dies. Er zählt in drei der vier Lagen zur absoluten Weltspitze, wen wundert es also, wenn er den Medley der Schwimmstile dominiert. Ermöglicht wird ihm dies durch seine Trainingsarbeit. Um auf all diesen Strecken Erfolg zu haben, ist es logisch, dass er im Vergleich zu anderen fast doppelt so viel trainieren muss. Dies haben viele seiner Konkurrenten erkannt, orientieren sich an seinen Plänen und Umfängen. Daher kommen sie herran. Phelps schwimmt nicht in einer eigenen Dimension, doch er ist in eine neue vorgestoßen. Die andren rücken nun nach. Spannend wird es sein zu sehen, ob Phelps ähnlich wie nach den Spielen in Athen auch bei der WM im nächsten Jahr einen kleinen Einbruch erleidet, denn auch wenn es viele nicht für möglich halten: Auch er kann geschlagen werden.

Anm.d.Red. 😉 : Auf Dopingmittel als mögliche Ursache für Phelps Leistungen wurden bewusst nicht eingegangen, da die Überzahl der Erklärungen der Blogosphäre aber auch der gestandenen Journalie sich darauf beruft. Leider eben oft nur darauf. Es sollten andere Gründe aufgezeigt werden. Zudem bleibt festzuhalten, dass Phelps im letzten Jahr gut 40 mal getestet wurde, allein acht mal bei den Spielen selbst. Natürlich sind die Doper den Kontrolleuren immer vorraus und auch Schwimmer können auf Doping zurückgreifen . Doch sogut wie jedes Mittel spricht sich rum, allein weil dessen Anbieter Abhnehmer finden will. Auf Mittel die bekannt werden, folgt früher oder später ein Nachweisverfahren. Das Einfrieren von Blutproben ist ein wichtiger Schritt um zumindest in ein paar Jahren Klarheit zu schaffen. Die Sportler stehen jedoch heute schon unter Generalverdacht, da Wachstumshormone, Insulindoping zur Glykogeneinlagerung usw. nach wie vor schwer nachzuweisen sind. Mit letzterem wird oft die Regenerationsfähigkeit Phelps zu erklären versucht, dies wäre jedoch nur möglich, wenn er es während der Wettkampftage eingenommen hat. Wettkampfhärte kann man sich antrainieren. Langstreckenschwimmer absolvieren bei großen Wettkämpfen innerhalb einer Woche 25, 10 und 5 Kilometer. Auch im Becken gibt es immer wieder erfolgreiche Vielschwimmer wie zum Beispiel Laure Manaudou, Martina Moravcová oder Laszlo Cseh.

So viel von unserem Senf dazu…

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  1. […] im Schwimmsport zunächst allgemein und versucht im zweiten Teil eine Erklärung für das Phänomen Phelps zu […]


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